Insulin verlieren im Ausland: How To Survive

Insulin verlieren im Ausland: How To Survive

Vor einigen Wochen habe ich noch einen höchst vorbildlichen Blogeintrag darüber geschrieben, was als Diabetiker alles für eine Reise ins Ausland ins Gepäck sollte – nur helfen natürlich alle guten Ratschläge nichts, wenn man im Zielland das Insulin verliert. Wie man das überhaupt schafft? Fangen wir von vorne an.


Sowohl ich als auch mein Diabeteskram hatten den Flug bestens überstanden und standen glücklich in unserer ersten über AirBnB gemieteten Wohnung im fernen Japan. Da wir möglichst viel vom Land sehen wollten, fuhren wir alle paar Tage in eine andere Stadt und wechselten die Wohnungen entsprechend häufig. Aber erstmal waren wir überhaupt angekommen, der Koffer wurde abgestellt und meine müden Augen erblickten einen kleinen Kühlschrank – wunderbar, dort konnte ich also mein Insulin lagern und musste mich nicht alle paar Tage darum kümmern, die FRIO-Tasche zu wässern. Der aufmerksame Leser ahnt schon, was als nächstes passiert…

Zeitsprung ein paar Tage nach vorn, in aller Herrgottsfrühe ging es mit dem Zug von Tokyo nach Kyoto. Also alle Dinge wieder zusammengepackt, gefühlt hundert Mal nachgesehen, ob alles dabei ist und die Wohnung verlassen. Habe ich wirklich alles? Irgendwie hatte ich so ein ungutes Gefühl, aber in meinem Rucksack befanden sich doch all die Tupperdosen, in denen ich meinen Diabeteskram auf Reisen immer verstaue. Gut, ich hab alles, dann kann’s ja losgehen.


Und dann kam die Erkenntnis: Ich habe tatsächlich mein Insulin verloren.

In der Tat fiel mir erst 2 Tage später in Kyoto auf, dass ich irgendwie doch nicht alles hatte. Spät abends, mitten auf der Kreuzung und ohne ersichtlichen Auslöser fiel mir siedend heiß ein… Verdammt, mein Insulin liegt noch in der ersten Wohnung! Mir wurde heiß und kalt und ein leichter Anflug von Panik schlich sich ein. Glück im Unglück: Ich hatte noch am ersten Tag in Tokyo meine Ampulle gewechselt, im Pen befand sich noch genug Insulin, um mit etwas Rechnerei und Sparsamkeit die nächsten Tage zu überbrücken. Tot umfallen würde ich also schon mal nicht so schnell. Wie beruhigend.

Dennoch stand fest: Ich will mein Insulin wieder. Und meine teuren FRIO-Taschen auch! In Tokyo würden wir allerdings nicht in die gleiche Wohnung zurückkehren, also was tun? Total am Ende mit den Nerven rief ich den Vermieter der Wohnung an, in der ich alles vergessen hatte und – er sprach kaum Englisch. Geschlagene 25 Minuten versuchte ich, ihm am Handy zu erklären, was passiert war und was ich von ihm wollte. Er verstand mich nicht. Ich entschied mich dazu, ihm lieber über AirBnB eine Nachricht zu schreiben, versehen mit den japanischen Begriffen für „Insulin“ und „Diabetes“ – und er verstand. Allerdings sagte er, er müsse erstmal suchen, ob sie das nicht schon weggeworfen hatten. Na super.


In der Zwischenzeit googlete ich, wie man in Japan an Insulin kommt. Hätte ich wenig und möglichst kohlenhydratarm gegessen und hohe Werte in Kauf genommen, hätte ich mit dem Rest an Insulin vielleicht und relativ knapp den Urlaub überbrücken können – aber das war mir zu unsicher. Ich fand heraus, dass Insulin auch in Japan nur auf Rezept vom Arzt erhältlich war und ich zuerst ein englischsprachiges Krankenhaus hätte aufsuchen müssen. Nein, zu viel Stress so spät am Abend, ich entschied mich, abzuwarten, ob der Vermieter das Insulin nicht doch noch fand.

Und er fand es! Einen quälenden Tag später die erlösende Nachricht: Es war alles noch da, er hebt es für mich auf, ich solle mich mit ihm treffen, sobald ich wieder in Tokyo bin. Gesagt, getan – 3 Tage später und um einige Nerven ärmer hielt ich mein Insulin samt den FRIO-Taschen wieder in den Händen. Die Hilfsbereitschaft der Japaner ist wirklich unschlagbar, die ganze Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können.


Was haben wir also gelernt?

  • Schau lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nach, ob WIRKLICH alles da ist und verlass dich auf dein Bauchgefühl!
  • Leg Sachen nicht dorthin, wo sie außer Sichtweite sind, wenn du den Ort bald wieder verlassen musst!
  • Informiere dich, ob Insulin und andere Utensilien im Zielland frei verkäuflich sind
  • Finde heraus, ob deine Sorte Insulin im Urlaubsland verkauft wird – falls nicht, finde heraus, welche Sorte am Ähnlichsten ist!
  • Schreibe dir die Adressen von englischsprachigen Krankenhäusern und Ärzten in der Umgebung auf!
  • Falls die Medikamente frei verkäuflich sind: Genug (Bar-)Geld!

Fazit: Meine Handyrechnung hat aufgrund des Telefonats mit dem Vermieter in diesem Monat die 80 Euro weit überschritten und ich bin immer noch genervt von mir selbst, wenn ich an die ganze Geschichte denke. 😀 Nichtsdestotrotz war mir der Aufstand darum, mein „altes“ Insulin wieder zu bekommen, immer noch lieber, als in einem fremden Land ins Krankenhaus spazieren zu müssen. Ich habe wohl draus gelernt und muss dieses unfreiwillige Abenteuer hoffentlich nie mehr erleben 😀

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5 thoughts on “Insulin verlieren im Ausland: How To Survive

  1. Petra

    Hallo Ramona,

    es war zwar kein Urlaub aber…

    Ich (damals noch mit Pen unterwegs) war Richtung Mittelalterfest… Samstag, am Land,… mein Liebster u ich ab in das Getümmel, nach der Kassa meinte er noch ich soll kurz Messen, damit man weiß was ich als erstes Schlemmen kann… 200irgendwas… also Pen raus zum korrigieren.

    Und ja… drinnen im Pen waren NULL Einheiten. u die neue volle Ampulle? Die lag 1,5 Autostunden entfernt… die nächste offene Apotheke? gute 40 Min. … also ab zu den Sanis „habt ihr was?“ „öhm, Insulin?!“ … der praktische Arzt der Ortschaft suchte mit uns in seiner Praxis, ob da was wäre, aber leider nein.

    Aber sein Kommentar mit „du läufst eh genügend herum heute, und wenn er mal höher ist, dann ist das auch kein Problem. Sind ja keine 400 oder so“ ging der Tag trotz Met und Essen so gut zu Ende das ich mit ca 150 zuhause ankam.

  2. Gerry

    Interessanter Bericht, wichtig für alle Urlauber, die denken, so etwas könne ihnen nicht passieren, schusselig seien nur die anderen.

    Es mag Dich trösten, dass so etwas häufiger vorkommt als man denkt. Andere Leser dieses Blogs sollen nicht den Eindruck haben, dass nur Du besonders schusselig bist, denn auch ich hatte vor ca. 20 Jahren ein solches Erlebnis:

    Erster Urlaub in Griechenland. Damals war ich noch auf zweimal am Tag Actraphane 30/70 eingestellt, ICT oder gar CGM gab es noch nicht. Die umweltschonende Besonderheit an diesem Insulin war die Verpackung. Die Fertigspritzen wurden
    in einer Plastikbox verkauft, die man am Schluss mit den leeren Spritzen portofrei an den Hersteller zum Recyceln zurückschicken konnte.

    Am Tag vor dem Abflug hatte ich also zwei solche Boxen vor mir auf dem Tisch liegen, eine volle, aus dem ich eine neue Fertigspritze für das Handgepäck entnahm, und einen, der mit leeren Spritzen gefüllt war. Beide waren äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden.

    Es gab sicherlich keinen logischen Grund, die Boxen nebeneinander zu legen. Jedenfalls ließ ich sie liegen, während ich zuerst noch ein paar andere Reisevorbereitungen erledigte. Den Koffer packte ich erst ein paar Stunden später. Gute Idee, das Insulin ist in der harten Kunststoffbox im Koffer gut gesichert, hinein damit! (Wieso wollte ich eigentlich eine volle Zehnerpackung für nur eine Woche Urlaub mitnehmen? Sicher ist sicher oder was? Hätte ich doch nur einen Teil herausgenommen und eingepackt…)

    Tja, am dritten Tag in Athen, als ich Insulin-Nachschub aus der mitgenommenen Packung brauchte, die ich im Hotelzimmerkühlschrank deponiert hatte, kam das böse Erwachen: Was ich mitgenommen hatte, war die Box mit den leeren Spritzen! Vor dem Einpacken wenigstens kurz den Deckel hochzuheben und eine der Fertigspritzen zu öffnen wäre ein Leichtes gewesen. Aber na ja, die Urlaubseuphorie hatte mich das Denken vergessen lassen. Katastrophe! Heimflug?

    Athen ist ja riesig, und riesig war auch die zentral gelegene Apotheke, die schnell ausfindig gemacht war. Die junge Frau hinter dem Tresen sprach weder Deutsch noch Englisch. Leere Fertigspritze vorgezeigt. Ein älterer Apotheker, wohl der Chef, wurde herbeigeholt. Ob er Englisch konnte, kann ich nicht beurteilen. Das einzige Wort, das er immer wieder herausbrachte, war ein muffliges „no!“, auch, als ich ihm erklärte, dass die Situation lebensgefährlich werden könnte. Ihm schien das egal zu sein. Auch die Frage nach dem nächsten Arzt beantwortete er nicht.

    Zwischenzeitlich hatte die junge Frau hinter der Theke etwas für mich nicht Lesbares auf einen Zettel geschrieben, den sie mir wortlos aushändigte. Ich musste die Apotheke ohne Insulin verlassen. Glücklicherweise konnte mir draußen jemand weiterhelfen, als ich ihm den Zettel zeigte, und wies mir den Weg zu einer Adresse, gar nicht weit entfernt.

    Das war aber keine Apotheke, eher ein kleiner Kurzwarenladen mit Nähzubehör. Seltsam, das musste ein Missverständnis sein! Aber siehe da: Mit der hilfsbereiten Verkäuferin, der ich meine leere Fertigspritze zeigte, war eine Verständigung möglich. Sie ging in einen Nebenraum und siehe da, sie brachte aus einem Kühlschrank genau mein Insulin Actraphane 30/70, originalverpackt und frisch! Zwar nicht in der Fertigspritze sondern in der Durchstechampulle, aber auf Frage verkaufte sie mir auch die notwendigen Einwegspritzen und Nadeln. Nach einem Rezept wurde ich nicht gefragt. Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, dass man in so einem Laden Insulin kaufen kann bzw. damals konnte.

    Jedenfalls war mein Urlaub gerettet!

    Seitdem kontrolliere ich wirklich peinlich meine Insulinvorräte und sonstigen Utensilien, lieber einmal zu viel als zu wenig. Die Gefahr, in der Urlaubseuphorie lebenswichtige Medikamente zu vergessen, ist einfach zu groß.

    Also, Deine Tipps sollten wirklich von allen beherzigt werden. Sie können Leben retten.

    1. Hallo Gerry!
      Heftige Geschichte, die du da erzählt hast!
      Manchmal könnte man sich wirklich einfach nur selbst treten, und genau so ging es mir – und dir sicher auch – in diesem Moment.
      Interessante Wendung auch in deiner Geschichte! Heutzutage ist es ja denke ich wirklich fast überall (Dritte Welt ggf. ausgenommen, je nachdem wo man sich befindet..) relativ einfach, in einer Apotheke an Insulin zu kommen, es ist ja eine weit verbreitete Krankheit. Aber vor 20 Jahren… uff. Wahnsinn, dass du in so einem Laden dann Insulin auftreiben konntest!
      Vielen Dank jedenfalls für deinen ausführlichen Kommentar, ich fand es sehr interessant zu Lesen 🙂
      Liebe Grüße!

  3. Hallo Ramona, ich hab Deinen Beitrag in der Libre-Grupe gesehen… ach ja, Japan.. hab gleich alle Deine Berichte gelesen… eine meiner schönsten Reisen… auch vor 20 Jahren wars genau so wie Du erzählst…..träum… und wei schön, dass Du Dein Insulin weiderbekommen hast!

    1. Hallo Susanne! Ach schön, noch mehr Japan-Reisende 🙂 Danke für deinen lieben Kommentar! 20 Jahre ist schon viel zu lange her, das schreit doch fast nach einem neuen Japanbesuch 🙂

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