Backpacking mit Diabetes [Interview mit Type1Backpacker] Teil 1

Backpacking mit Diabetes [Interview mit Type1Backpacker] Teil 1

Irgendwie hat ja mittlerweile jeder mindestens eine Person im Freundes- oder Bekanntenkreis, die irgendwann einfach ihre Habseligkeiten in einen Rucksack gepackt hat, losgezogen ist und auch mindestens ein Jahr nicht mehr zurückgekommen ist – während man selbst neiderfüllt auf Facebook die Fotos ihrer Abenteuer aus allen Teilen der Welt durchgeklickt hat.
Mit etwas Planung und dem entsprechenden Budget ist die Reise schnell angetreten – doch wie sieht es hier als Diabetiker aus? Visionen von einem mit Diabetes-Supplies vollgestopftem Rucksack und verlorenem Insulin mitten im Nichts tun sich regelmäßig vor meinem inneren Auge auf… Nein, für mich wäre Backpacken nichts, ich bin ein Planungs- und Sicherheitsfanatiker. Dennoch finde ich das Thema, gerade mit Diabetes im Gepäck, wahnsinnig interessant.
Wie gut, dass ich vor einigen Wochen über #dedoc auf den Blog „Type 1 Backpacker“ von Michi gestoßen bin! Während Michi bei seinem ersten Backpacking-Trip in Australien vor 5 Jahren noch ohne ungebetene Begleitung in Form von Diabetes unterwegs war, hat sich die Situation nun dezent verändert. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, den Rucksack wieder zu packen und nach Kanada aufzubrechen. Grund genug für mich, ihn mit ein paar Fragen zu löchern!

 

Michi und Taka aus Japan am Consolation Lake

Hallo Michi – schön, dass du mir hier ein paar Fragen beantworten möchtest! Zuallererst: Was hat dich an Kanada als Destination gereizt und hat die Tatsache, dass du nun mit Diabetes reist, die Wahl deines Ziels in irgendeiner Weise beeinflusst?

Hi Ramona! Freut mich sehr, dass du über meinen Blog gestolpert bist und ich dir ein paar Fragen beantworten darf.

Zum ersten Teil deiner Frage: Kanada war so nicht geplant und geschah eher so aus dem Bauch heraus. Während meines Studiums war ich eigentlich noch der festen Überzeugung, dass es für mich und meinen Rucksack nach Neuseeland gehen würde. Als ich mich dann im Rahmen meiner Vorbereitungen auf die Reise nochmal intensiver mit dem Thema Work and Travel befasst habe, bin ich glücklicherweise auf die Video-Blogs von Maik aufmerksam geworden – diese und seine Erfahrungen haben mich dann quasi von heute auf Morgen davon überzeugt, das Reiseziel zu ändern und Kanada anzusteuern.

Den zweiten Teil deiner Frage, inwiefern der Diabetes Einfluss auf mein Reiseziel hatte, würde ich so beantworten, dass der Michi vor der Reise nicht jedes Land sorglos angesteuert hätte. Deswegen rückten schon die Klassiker Australien, Neuseeland und Kanada in meinen Fokus. Länder, in denen man sich auch keine Gedanken machen muss, dass die medizinische Versorgung im Notfall Probleme bereiten würde. Mittlerweile ist das allerdings anders. Ich möchte noch so viele Länder bereisen, auch dritte Welt Länder und ich habe keine Angst davor, dass mir der Diabetes da irgendwie einen Strich durch die Rechnung macht – oder besser gesagt, ich sehe keinen Grund wieso dies der Fall sein sollte. Solange ich mich im Rahmen der Vorbereitung einer Reise mit genügend Diabetes-Equipment ausgestattet habe und mich ausreichend über die Bedingungen vor Ort informiere, steht dem Auslandsabenteuer nichts im Wege. Außer dem normalen Diabetes-Alltag mit seinen großen und kleinen Problemen, die man aber auch von zu Hause kennt. Ob man jetzt in Kanada, Deutschland oder irgendwo anders auf der Welt sein Korrektur-Insulin spritzt oder ein paar Not-BE’s zu sich nimmt, kann dem Diabetes ja egal sein 😉

Mit ausreichender Organisation und Planung bin ich davon überzeugt, dass jeder Typ 1er das hinbekommt und ich glaube so einige die daran zweifeln, wären überrascht wie gut das alles dann doch funktioniert und auf wie viel Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit man auf so einer Reise trifft.

Vor jeder Reise steht ja erst einmal das Packen. Für wie lange ist dein Aufenthalt in Kanada geplant – oder hast du gar keinen festen Zeitplan? Wie hast du die Problematik mit der Versorgung mit Insulin, Teststreifen und was man sonst noch so braucht, gelöst?

Also eigentlich waren ja nur 6 Monate geplant, allerdings habe ich letzten Endes mein Visum komplett ausgeschöpft und bin ein ganzes Jahr in Kanada geblieben. Bei meiner Vorbereitung waren meine Diabetesberaterinnen eine riesige Hilfe. Macht euch einen Termin, schreibt euch vorher alle Fragen, die ihr habt auf und geht alles gemeinsam durch. Man kalkuliert die Menge an Insulin, Nadeln, Teststreifen und Lanzetten, die man für den Zeitraum braucht, packt dann noch etwas mehr für den Notfall drauf und stellt sicher, dass man z.B. während des Flugs sein Insulin im Handgepäck hat und sein Equipment auf zwei Rucksäcke/Taschen verteilt, sodass man beim Verlust oder Diebstahl des Gepäcks immer noch eine Reserve in der Hinterhand hat. Das sind nur zwei Beispiele von vielen Tipps, mit denen euch eure Berater/innen versorgen werden.

Natürlich muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich keine Pumpe habe und mit Pen unterwegs bin, aber was Pumpen betrifft, kann ich nur auf den Gastbeitrag von der lieben Marie verweisen, die Pumpenträgerin ist und hier in Kanada auch gerade eine super Zeit hat. Je nach Versicherung (gesetzlich oder privat) gestaltet sich das Reisen eventuell etwas mühsamer, aber ist definitiv nicht unmöglich. Eine Lösung ist da ganz bestimmt für jeden dabei.

Mein Equipment für 6 Monate

Mein Rucksack war anfangs definitv sehr voll. Glücklicherweise leert er sich dann aber auch mit der Zeit. Da ich spontan länger blieb, musste ich mich vor allen Dingen um Teststreifen kümmern, die ich mir aus Deutschland habe schicken lassen. Zur Weihnachtszeit, das war nach 9 Monaten Aufenthalt in Kanada, war ich dann für zwei Wochen zu Besuch in Deutschland und habe mich wiederum mit Teststreifen und ein wenig Insulin ausgestattet. Lanzetten und Nadeln hatte ich tatsächlich genug dabei. Das heißt, die Lanzetten und Nadeln, die ich für ein halbes Jahr kalkuliert hatte, hielten im Endeffekt für ein ganzes Jahr, was mir natürlich zu Gute kam und mich nicht störte.

Man sollte bei der Gepäck- und Equipment-Frage nie vergessen, dass man wie bereits erwähnt einiges verbraucht und der Rucksack leichter wird. Außerdem und das ist noch viel wichtiger, wenn man wirklich Work & Travel macht bleibt man auch definitiv für längere Zeit an einem oder mehreren Orten, sodass das zusätzliche Gewicht wirklich nur während dem Travel Part zur Last fällt, wenn überhaupt. Also keine Angst davor 🙂

3: Wenn man etwas auf deinem Blog stöbert, kommt man schnell dahinter, dass Kanada für dich kein Erholungsurlaub ist, sondern du ziemlich viel arbeitest. Wie lässt sich das mit dem Diabetes vereinbaren?

Es ist echt verrückt wie viel ich in Kanada gearbeitet habe. Insgesamt waren es ca. neun Monate Arbeit, zwei Monate reisen und ein Monat in dem ich quasi „Leerlauf“ hatte.

Vorab möchte ich zum Thema Arbeit sagen, dass ich einzig und allein so viel gearbeitet habe, weil meine Ersparnisse verhältnismäßig gering waren. Wäre es bei meinen sechs Monaten geblieben hätte alles gereicht aber dadurch, dass ich mich dazu entschied länger zu bleiben, musste ich wieder Geld verdienen, um mir ein Leben in Montréal zu finanzieren. Insgesamt waren von diesen neun Monaten Arbeit sechs Hardcore-Monate dabei, in denen ich einen 40 Stunden Vollzeit-Job und den Volunteer-Job im Hostel hatte. Zwei davon vor, die restlichen vier Hardcore-Monate nach meinen Reisen. Und damit meine ich 60 Stunden Arbeit pro Woche.

Ich kann verstehen, wenn der ein oder andere jetzt den Kopf schüttelt und sich denkt, dass es doch bescheuert ist so viel zu arbeiten. Aber das eine kam zum anderen und rein finanziell gesehen, musste ich dieses Pensum auf mich nehmen, um zumindest etwas Geld sparen zu können. Denn in Kanada ist das gar nicht mal so einfach.

Dabei habe ich definitiv mein persönliches Limit erreicht und war im Endeffekt sehr froh, dankbar und stolz auf mich, als der letzte Arbeitstag angebrochen war. Das Kapitel „Arbeit“ in Kanada war eine wahnsinnige Erfahrung für mich, die mir meine Grenzen aufgezeigt hat. Was jedoch viel wichtiger ist, es hat mir gezeigt, dass ich in der Lage bin so einiges mit meinem Diabetes zu stemmen. Eigentlich war mir das schon vor Kanada klar, aber die 100%ige Gewissheit darüber, hat mir erst mein Aufenthalt in diesem wunderschönen Land gegeben.

Honeymoon Lake, Jasper National Park, Kanada

Natürlich gab es Tage an denen der Zucker mal etwas verrücktspielte, aber ich würde mich mal ganz weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass es nicht mehr, ja sogar weniger war, als in Deutschland. Grund dafür, war die Routine sowie der Rhythmus, den ich in der Zeit entwickelt habe und dieses tolle, positive Lebensgefühl, das einen bei so einem Auslandaufenthalt begleitet. Unterzuckerungen kann man bei einem Küchenjob außerdem wunderschön entgegenwirken, bei der Auswahl an Leckereien 😉

Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Meine Arbeitserfahrung mit Diabetes in Kanada war sehr gut und keineswegs extra problematisch verglichen zu Deutschland. Hauptsächlich war es eine extrem lehrreiche Erfahrung!

 

Wie es Michi damit hält, anderen Leuten unterwegs von seinem Diabetes zu erzählen, wie die Krankheit seine Art zu Reisen verändert hat und mehr könnt ihr nächste Woche im zweiten Teil lesen! 🙂

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One thought on “Backpacking mit Diabetes [Interview mit Type1Backpacker] Teil 1

  1. Christoph Cramme

    Moin Michi,
    ein sehr offener und cooler Beitrag Deiner Reiselust;)
    Ich habe einige Frage zu Deinem Diabetes Equipment für die Zeit der Reise.
    Hast du Dir den Vorrat über eine längere Zeit angesammelt?
    Wie hast du Dir Nachschub aus Deutschland einfliegen lassen? muss man nicht selber Vorort sein um Insulin,Teststreifen etc.zu ordern?
    Ich bin seit 7 Jahren Diabetiker und gehe Ende des Jahres auf Weltreise.Start Australien mit work & travel Ende offen;) bis jetzt ist mein Stand das ich für 3-4 Monate mein Zeugs mitnehme und dann Ersatz nachkaufen muss da die gesetzliche Krankenkasse sich aus der Verantwortung zieht und die Auslandskrankenversicherung nicht für Krankheiten aufkommen die schon bestehen.

    Freue mich von Dir zu hören

    Besten Dank und high five aus Hamburg

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