Im Land der tausend Seen – Auslandssemester mit Diabetes 2 [Gastbeitrag]

Im Land der tausend Seen – Auslandssemester mit Diabetes 2 [Gastbeitrag]

Das Ende des Semesters hatte mich fest im Griff. So fest, dass ich sogar vergessen habe, hier überhaupt etwas zu posten. Und wenn ich mich nicht auf die Klausuren vorbereitet habe, dann habe ich Pakete für Bolivien entgegen genommen, sortiert und umgepackt.
Auch im heutigen Beitrag soll es wieder gedanklich ins Ausland gehen: Mit dem zweiten Teil von Corinnas Erlebnissen im Auslandssemester mit Diabetes! Teil 1 gibt’s hier – und weiter gehts 🙂


Im Land der Tausend Seen – 5 Monate leben mit Diabetes in Finnland
Teil II: Fast so was wie Alltag

Das Essen allein war aber nicht allein an meiner blutzuckertechnischen Berg- und Talfahrt schuld. Auf den zahlreichen International Barbecue- and Food-Partys, die wir Austauschstudenten in regelmäßigen Zeitabständen organisierten, gab es jede Menge Alkohol. Das magische Gute-Laune-Gesöff, das auch jeden Finnen vom schweigenden, blickkontaktscheuen Introvert zum redseligen, offenherzigen Partyhengst mutieren lässt, hieß LONKERO. Ein süßer Alkopop, vergleichbar mit alkoholhaltiger Bitter Lemon. Den gab es überall praktisch in Dosen zu kaufen. Alkohol mit mehr als 5,5‰ kriegt man in Finnland nur in sogenannten Alko Stores, wo man immer seinen Ausweis an der Kasse zeigen muss, auch wenn man schon 80 Jahre alt ist.

Durchzechte Nächte und Wochen mit insgesamt nur 15 Stunden Schlaf waren keine Seltenheit. Die saftigen Preise für Lebensmittel und Alkohol hielten uns Austauschstudenten aber nicht vom Feiern ab. Der unregelmäßige Tag-Nacht-Rhythmus machte sich bei meinen Blutzuckerwerten bemerkbar. Krasse Unterzuckerungen blieben bis auf eine Ausnahme (s.u.) jedoch aus.

Generell bestand das Auslandssemester hauptsächlich aus Partys, (ungesundem) Essen, Sauna (natürlich immer nur mit dem obligatorischen Saunabier) und Reisen zu den baltischen Nachbarländern. Worauf ich ein bisschen stolz bin ist, dass ich es dennoch geschafft habe ca. zwei Mal pro Woche mit meiner Freundin aus Österreich Joggen zu gehen – zur Stabilisierung des Blutzuckers hat das aber auch nicht viel genützt. Wir hatten uns gleich zu Beginn des Auslandssemester angefreundet und seitdem viel Zeit miteinander verbracht („Hey, where are you from?“ – „Germany, what about you?“ – „Austria.“ – „Na dann kömmer a deutsch mitnander redn!“ :D). Der Kontakt besteht auch heute nach vier Jahren noch.

Bevor Österreich zu meinem regelmäßigen Joggingpartner wurde, machte ich mich gleich in der ersten Woche alleine auf die Socken. Ich wollte die Nachbarschaft und die umliegenden Wälder kennenlernen. Also rein in die Laufschuhe und los! Blöd nur, dass die Bäume da alle gleich aussehen und ich mir nicht gemerkt hatte von welcher Abbiegung ich kam. So wurden aus 30 Minuten Joggen schnell 60 Minuten verlorenes Umherrennen im Wald, bis ich kurz vorm Unterzuckertod wieder zu meiner Wohnung fand. Memo an mich selbst und an euch: Lauft niemals ohne ausreichend Notfall-BE los. Und schon gleich gar nicht, wenn ihr den Weg nicht genau kennt!

Meinen Diabetes habe ich zugegebenermaßen nicht an die große Glocke gehängt. Außer meinen beiden Freundinnen aus Österreich und China wusste fast niemand davon. Ich gehe damit nicht hausieren und finde es eher unangenehm, wenn Fremde zum ersten Mal merken, dass ich mich spritze. Der Rest des Tages läuft dann nämlich immer gleich ab: „OMG! Du ARME! Tut das weh? Wie lange hast du das schon? Hast du zu viel Süßes gegessen in deiner Kindheit? Geht das irgendwann mal wieder weg? Achso, es gibt Typ 1 und Typ 2? Was ist Insulin überhaupt? Was macht die Bauchspeicheldrüse? Wie hast du bemerkt, dass mit dir etwas nicht stimmt? Was passiert wenn du Unter- bzw. Überzucker hast?…“ Ein anderes Gesprächsthema gibt es meistens nicht mehr, wenn meine Mitmenschen mitkriegen, dass ich Diabetikerin bin. Und um mir die immer gleiche Leier zu ersparen (vielleicht sollte ich die FAQs mal schriftlich festhalten oder aufnehmen und mit einem freundlichen Vermerk bei der nächsten Gelegenheit abspulen), probiere ich zumindest bei Leuten, die ich eh nicht so oft sehe oder zu denen ich keine tiefere Freundschaft aufzubauen versuche, das Thema Diabetes zu umgehen.

Weiteren Extrem-Prüfungen musste sich mein Blutzucker bei einem dreistündigen Pizza-Pasta-Chicken Wings-All you can eat-Buffet am nördlichen Polarkreis in Rovaniemi, Lappland unterziehen, als ich dort mit Österreich den Weihnachtsmann im Weihnachtsdorf besucht habe. Das Weihnachtsdorf an sich war eine reine Touristenattraktion, die aber voll und ganz ihren Zweck erfüllte. Wie in einem klirrend kalten Wintermärchen hat man sich dort gefühlt. Haufenweise Asiaten mit ihren Fotokameras liefen rum und ein Souvenirshop reihte sich an den nächsten. Die Stimmung war aber zauberhaft! Vor allem in der Abenddämmerung, die schon um 14 Uhr am Nachmittag begann. Wir standen dann noch eine halbe Stunde in der Schlange für eine exklusive Privataudienz beim Weihnachtsmann an, um mit ihm ein Schnäppchen-Foto für „nur“ 30 Euro zu machen. In der Nacht bei -20°C und eisigem Wind, warteten wir einige Stunden vergebens darauf, die magischen Polarlichter zu sehen. Leider war uns dies nicht vergönnt – keine Aurora Borealis in dieser Nacht. Nachdem wir völlig durchgefroren waren und ich kurz mal mit einem Schuh im See eingebrochen bin (aus lauter Langeweile beim Warten bin ich eben auf die leichtsinnige Idee gekommen, ich könnte ja mal eine kurze Runde über den See drehen) machten wir uns auf den Weg zurück ins Hostel. Schon allein wegen den Polarlichtern möchte ich unbedingt noch einmal zurück nach Finnland – oder in ein anderes nordeuropäisches Land – denn, dass ich die nicht zu Gesicht bekommen hab, kann ich nicht auf mir sitzen lassen!

Passt bloß gut auf euch und euren Diabetes auf! Packt lieber zu viel als zu wenig ein. Das habe ich mir immer zu Herzen genommen und bin damit auch immer gut beraten gewesen – zumindest bis zu dem Tag als ich zurück nach Hause flog. Ich wollte gerade meine zwei Koffer am Schalter der Airline einchecken, als mir die Lady sagte, ich müsse für das Übergepäck zahlen. Kein Ding, hab ja auch beim Hinflug mit einer renommierten deutschen Fluglinie 60 Euro extra dafür bezahlt. Witz des Jahrhunderts: diese Airline wollte für meinen zweiten Koffer 5.000 Euro! Hätte ich wahrscheinlich gezahlt wenn ich hätte alleine in einem Privatjet fliegen dürfen und einen roten Teppich an einem weißen Sandstrand mit Champus und persönlichem Butler ausgerollt bekommen hätte. War natürlich nicht der Fall. Also hab ich noch fünf Minuten vor Abflug meine zwei Koffer umgeräumt, nur einen der beiden eingecheckt und den anderen mit den etwas weniger wichtigen Sachen wieder zurück unsere WG befördern und mir dann päckchenweise alle meine Sachen nach Deutschland nachschicken lassen. Informiert euch also vorher rechtzeitig über die Gepäckbestimmungen eurer Airline 😉

Zum Abschluss bleibt zu sagen, dass ich jedem ein Auslandssemester empfehlen würde. Vor allem in Finnland. Die 5 Monate waren wohl die schönsten in meiner ganzen Studienzeit!

In diesem Sinne: Gute Reise und gute BZ-Werte!

Eure Corinna

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